Niederschrift der Antworten von Gert Hoffmann auf Fragen von Frau Ursula Grunwaldt Ende März 2012

Wie hast Du damals als 12jähriger das Ende des Zweiten Weltkrieges in Stahnsdorf erlebt?

Am Sonntag den 22. April 1945 zeichnete sich ab, dass hier etwas passieren würde. In der Nacht verschwand hier alles – aus der Kaserne gegenüber und auch vom  Barackengelände
nebenan. Die deutschen Soldaten waren weg. Es war alles leer. Hier vor dem Haus auf der Straße  war ein Schützengraben  ausgehoben, und  es waren 2 oder 3 Volkssturmmänner postiert, mit je einer Panzerfaust bewaffnet. Die sollten nun die Durchfahrt der Russen verhindern.

Meine Mutter war ja nicht ganz feige und sie war, wie man weiß, Antinazi. Spät abends, als es dunkel war, gab sie den Männern jeweils einen Zivilanzug von meinem Vater und hat sie nach Hause geschickt, nachdem alle Panzerfäuste, auch die die unter unserem Balkon gelagert waren, auf dem Kasernengelände abgelegt worden waren. Die Männer sollten hier keinen Krieg spielen. Sie  gingen gern. Das war kein Problem. Sie wohnten in der Markhofsiedlung.

Auf jeden Fall war alles ruhig. Einige aus der Bevölkerung nutzten die Gelegenheit, sich in den Baracken nach nützlichen Dingen umzusehen, die  den Russen nicht in die Hände fallen sollten. Später trugen dann manche Frauen und Mädchen blau-rot karierte Dirndl, hergestellt aus dem derben Stoff der Bettbezüge der Soldaten. Wir  bekamen unser erstes, total verstimmtes Klavier.

Am 23. April 1945 früh um 5 oder 6 Uhr hat man Panzer gehört, die zwei Schüsse auf die Panzersperre abgaben und dann anschließend um sie herumfuhren. Das waren die einzigen Schüsse die hier gefallen sind.

Gegen  6 Uhr kamen zwei Russen in den Luftschutzkeller, einer mit Taschenlampe, es gab ja keinen Strom, der andere mit vorgehaltener   Maschinenpistole. Da waren nur Frauen und viele Kinder. Wir hatten eine Flüchtlingsfamilie aus dem Osten mit 6 oder 7 Kindern aufgenommen. Sie waren mit allem Hab und Gut auf einem großen Leiterwagen gekommen. Die Männer- Herr Krause, Herr Busse, mein Vater und auch Horst Nöckel -  waren an der Front. Bäckermeister August Nöckel war in der Bäckerei nebenan. Zwei Stunden später kam wieder ein Russe in den Keller er hat uns rausgeschickt.
Ein Teil der Leute dachte, sie würden nun erschossen. Doch sie haben uns nur nach oben in unsere Wohnungen geschickt.

Es gab Gerüchte, dass Kampfhandlungen stattfinden würden, so sind wir alle mit Handwagen und Leiterwagen für einige Tage nach Nudow  gegangen, um den Kampfhandlungen aus dem Weg zu gehen. Die haben hier bei uns nicht stattgefunden.

In Nudow wurde unserer Gruppe Frauen und Kinder ein verwaister Bauernhof als Unterkunft zugewiesen, auf welchem sich die Besitzer im Garten erhängt hatten- aus Angst vor den Russen. Zum Zeitpunkt unserer Ankunft hatte sich noch niemand die Mühe gemacht, die Toten vom Baum abzunehmen.

Auf dem Weg zurück aus Nudow, nur mit kleinem   Handwagen, hat mir und meiner Schwester unsere Mutter die Kehrseite des Ganzen geschildert. Meine Eltern waren ja in der KPD. Mein Vater war deswegen drei Jahre, von 1937 bis 1940, in Luckau im Zuchthaus. Sie hat uns da einiges erzählt. Vaters Vergangenheit führte dazu, dass er in das Strafbataillon 999 eingezogen wurde. Aus dem Krieg kam er nicht zurück, er galt als vermisst.

Was hier im Einzelnen geschah,  weiß ich nicht. In der Markhofstraße – Friedel hießen die Leute –haben die Russen den Mann und den Sohn erschossen. Da und Dort gab es Übergriffe. Vergewaltigungen sind passiert.  Die Hysterie über die Vergewaltigungen ist im Grunde genommen entstanden, da die Nazis entsprechende Propaganda gemacht haben.

Wie war das Verhalten der Stahnsdorfer?

Die Deutschen, nicht die Russen haben die Panzersperren abgebaut.

Als wir 1942 nach Stahnsdorf kamen, hatte die alte Frau Falkenberg, die in der Nachbarschaft wohnte, nichts  Eiligeres zu tun, als zum Bäckermeister Nöckel zu gehen um ihm zu sagen, dass sein neuer Nachbar früher Kommunist war. August Nöckel ging sofort zu meinem Vater und sagte:“Ich habe gehört, Sie sind ein alter Kommunist?“ Mein Vater meint: „Wenn das schon Ortsgespräch ist…“. Darauf August Nöckel:“Da können wir uns die Hände reichen: Ich bin alter Sozi“. Und das hat er dann auch umgesetzt.

Als wir drei, unsere Mutter, meine Schwester und ich, aus Nudow zurück kamen, wohnten wir einige Zeit bei Nöckels, da sonst keine anderen Bewohner des Mehrfamilienhauses zurückgekehrt waren.
Meine Mutter wollte nicht mit uns Kindern allein in dem großen Haus sein.

Noch vor Kriegsende hatte man dem Bäckermeister Nöckel Mehl geliefert. Er hatte den Keller voller Mehl, konnte aber kein  Brot backen, da es keinen Strom für die Knetmaschine gab. Zum Kneten des Teiges brauchte er aber 5 bis 6 Männer. Er ging deshalb einige Tage später, als auf dem Kasernenhof die Stahnsdorfer Männer zum Marsch nach Trebbin zusammengetrommelt  worden waren, zum
russischem Kommandanten. Auf seine Bitte hin durfte er sich tatsächlich 5 bis 6 Männer für diese Arbeit aussuchen. Nun buk er als einziger Bäcker in Stahnsdorf Tag für Tag Brot für die deutsche Bevölkerung, so viel wie zu schaffen war. Die Stahnsdorfer standen Schlange nach dem Brot.

Welche Erlebnisse hattest Du mit den Russen?

Die Russen hatten sich hier im großen Haus in einer Wohnung eingerichtet und haben sich bei uns Gemüse geholt. Wir hatten Mohrrüben und Kohlrüben im Keller eingelagert. Auch die noch von unserem Gärtnereibetrieb übrigen Tulpenzwiebeln wurden verkocht.

Einmal haben die Russen abends ein Prassnik veranstaltet und meine 10jährige Schwester wurde mit irgendetwas raufgeschickt in die Wohnung; sie kam eine Stunde später halb betrunken wieder runter. Die Russen haben sich ihr gegenüber völlig korrekt verhalten, wollten sie nur mitfeiern lassen.

Sie hatten im Haus in den ersten Tagen ein provisorisches Lazarett eingerichtet. ZU diesem Zeitpunkt war der Krieg noch nicht zu Ende. Die deutschen Soldaten kämpften noch von Berlin aus. Verwundete  wurden zeitweilig auch in unsere Betten verlegt. Tote wurden vorübergehend vor dem Haus abgelegt, bevor sie weiter  transportiert wurden. Während dieser Zeit garantierten die russischen Offiziere im Haus für unsere Sicherheit. Sie stellten je einen Posten vor die vordere und die hintere Eingangstür. Deutsche durften nur mit unserer Genehmigung rein, Russen mit Genehmigung der Offiziere.

Einen stinkbetrunkenen Russen haben sie in unsere Scheune gepackt, vorher die Taschengeleert, damit er kein Feuer machen konnte. Am Abend haben sie ihn wieder abgeholt.

Als wir in Nudow waren, haben die Russen alles Viehzeug abgemurkst. Aber eine Glucke mit ihren Küken haben sie verschont. Das war typisch für die Russen. Eine Ziege war wohl auch noch da.

1942 hatten wir noch Ziegen. Mein Vater hatte sie in Thüringen gekauft. Sie kamen auf dem Bahnhof in Zehlendorf an. Mein Vater war krank, da haben mein Großvater und ich sie in Zehlendorf abgeholt, anfangs zu Fuß, zuletzt haben wir sie in einer Schubkarre gefahren. Später hat meine Mutter einer jungen Frau aus Zehlendorf, die gerade entbunden hatte, jeden Tag einen halben Liter Ziegenmilch gegeben.

Im allgemeinen erlebten wir Kinder, dass die Russen sich und gegenüber sehr anständig verhielten. Sie teilten mit uns, was sie zum Essen hatten. Das war meist nicht viel.

Wo sind die Nazis geblieben?

Da hatte ich keinen  großen Einblick.

Was wurde von den Russen abtransportiert?
Das entzieht sich meiner Kenntnis.

05.08.2012   gez. Gert Hoffmann